Wo der Mann mit dem Hammer wartet

„Wenn du laufen willst, lauf eine Meile.
Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, dann lauf Marathon."

[Emil Zatopeck]

Ein trüber Sonntag im Oktober 1988. Ich liege auf einem Feldbett in einem Zelt am Platz am Wilden Eber in Berlin Dahlem. Draußen nieselt es. Es weht ein kühler Wind. Ich höre wie durch einen Schleier einen Höllenlärm. Klatschen, Rufen, Trommelmusik, Schritte von Läufern. Durch den Eingang des Zeltes sehe ich eine Cheerleadertruppe mit knapp bekleideten jungen Damen im Regen tanzen. Ununterbrochen läuft ein nicht endender Strom gut gelaunter Jogger durch die Pfützen auf der Straße an meinem Blickfeld vorbei. Zwei sehr nette Menschen kümmern sich um meine Beine, die unkoordiniert zucken, als ob sie nicht zu mir gehören. Mein ganzer Körper ist leicht am Zittern, trotz der Decke, die sie mir drübergelegt haben. Das ganze Szenarium hat etwas Surreales.

...

Das Unmögliche ist eingetreten. Nach einer viertel Stunde bin ich wieder irgendwie auf die Beine gekommen. Langsam aus dem Zelt raus und ein paar vorsichtige Schritte in den Regen. In einem Tempo, das ungefähr halb so schnell war wie das Anfangstempo, ging es mit einem spannenden inneren Dialog auf die letzten 10 Kilometer:

Der Kopf sagt: „10 Kilometer sind wir schon oft im Training gelaufen. Das ist ja wohl überhaupt kein Problem“.

Antwort der Beine: „Wir sind schon seit fast drei Stunden unterwegs. Was soll der Scheiß hier?“

Der ganze Körper kommentiert: „Mir ist kalt, ich hab echt keinen Bock mehr!“

Kopf: „Klappe halten, weiter laufen!“

Der Hals: „Ich will nachher die Medaille umgehängt bekommen.“

Beine: „Na gut, aber wir versprechen dir, du wirst hinterher den Muskelkater deines Lebens haben!“

Die Füße: „Wir kriegen langsam Blasen durch die nassen Socken. Wie lange geht das hier noch?“

Der Kopf: „Bleibt locker, wir haben es bald geschafft.“ Warum sich jeder Kilometer länger anfühlt als der vorhergehende, weiß der Kopf auch nicht, sagt aber lieber nichts dazu.

Augen: „Achtung: wir werden rechts von einer etwa 70jährigen sehr drahtigen Frau überholt“

Kopf an alle Körperteile: „Vielleicht habt ihr recht, und wir steigen einfach aus. Die Startnummer gilt als Fahrkarte für die BVG. Wir verschwinden klammheimlich in der U-Bahn.“

Beine: „Willst du uns verscheißern? Jetzt sind wir 37 Kilometer gelaufen und sollen nicht in’s Ziel kommen?“

Blase: „Ich muss mal!“

Magen: „Mir ist übel. Gibt es heute auch noch etwas anderes als süße Energieriegel und Elektrolytgetränke?“

Darm: „Wo ist das nächste Dixi-Klo?“

Augen: „Wir sehen den Kudamm!“

Gehirn: „Hey Leute, das ist die Zielgerade, wir schaffen es.“

Beine: „Zwei Kilometer noch. Tut weh, aber wir wollen es über die Bühne bringen. Bloß nicht wieder Krämpfe kriegen!“

Augen: „Da ist das Zielband! Nur noch ein paar Meter!“

Ohren: „Hört mal wie die Zuschauer jubeln!“

Augen: „Die Uhr zeigt eine Zeit von 3:48:04 Stunden an!“

Emotionales Zentrum, Hormonelles System: „Endorphinausschüttung, Dopaminrausch, Glück, Stolz, Zufriedenheit, Wohlbehagen, Euphorie, Dankbarkeit, gar nicht mit Worten zu beschreiben!“...

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