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WO DER MANN MIT DEM HAMMER WARTET

„Wenn du laufen willst, lauf eine Meile.
Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst,
dann lauf Marathon."
[Emil Zatopeck]

Ein trüber Sonntag im Oktober 1988. Ich liege auf einem Feldbett in einem Zelt am Platz am Wilden Eber in Berlin Dahlem. Draußen nieselt es. Es weht ein kühler Wind. Ich höre wie durch einen Schleier einen Höllenlärm. Klatschen, Rufen, Trommelmusik, Schritte von Läufern. Durch den Eingang des Zeltes sehe ich eine Cheerleadertruppe mit knapp bekleideten jungen Damen im Regen tanzen. Ununterbrochen läuft ein nicht endender Strom gut gelaunter Jogger durch die Pfützen auf der Straße an meinem Blickfeld vorbei. Zwei sehr nette Menschen kümmern sich um meine Beine, die unkoordiniert zucken, als ob sie nicht zu mir gehören. Mein ganzer Körper ist leicht am Zittern, trotz der Decke, die sie mir drübergelegt haben. Das ganze Szenarium hat etwas Surreales.

Was mache ich hier eigentlich? Wer hat die Idee gehabt, man könnte ja mal einen Marathon laufen? Wer hat in einem Anflug von Selbstüberschätzung gedacht, ein ehemaliger Leistungssportler, der ja so etwas wie Europameister im Vierer ohne Steuermann war, wird ja wohl, drei Jahre nach Beendigung seiner aktiven Sportlerkarriere, einen Marathonlauf schaffen? Immerhin hatten wir früher beim Rudern im Wintertraining immer dienstags unseren ‚langen‘ Lauf von 11 Kilometern. Ich war der zweitschnellste Läufer unseres Vierers. Schneller war nur Dirk, der allerdings mit seinen 78 Kilogramm Körpergewicht bei 1,96 m Größe eher die Statur eines Läufers als die eines Ruderers hatte. Vor einer gefühlten Ewigkeit standen Dirk und ich heute früh auf der Straße des 17. Juni in Berlin Tiergarten zwischen Tausenden von Läufern, um unseren ersten Marathon in Angriff zu nehmen. Natürlich hatten wir von der sensationellen Stimmung an der Strecke des Berlin-Marathons gehört. Von den Tausenden von Zuschauern, die einen förmlich in’s Ziel tragen. Alle zwei Kilometer eine Band. Sogar eine Cheerleader-Gruppe soll an der Strecke tanzen! 42,2 Kilometer Party. Das musste man einfach mal erleben! Ich hatte auch das Buch „Marathontraining“ von Manfred Steffny im Regal stehen, den Klassiker unter den Laufbüchern. Allerdings hatte sich das systematische Training bei mir in den letzten drei Jahren in Grenzen gehalten.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wer von uns beiden, Dirk oder ich, die Idee mit dem Marathon hatte, auf jeden Fall haben wir uns auf das Abenteuer eingelassen. Erwartungsgemäß war Dirk schon nach den ersten Kilometern davon gezogen. Ich hatte gehört, dass man einen Marathon auf keinen Fall zu schnell angehen darf. Sonst würde es sich später rächen, wenn der berühmte Mann mit dem Hammer auf die Läufer wartet. Nur, was ist zu schnell, wenn man keine genaue Vorstellung von seinem möglichen Tempo über 42 Kilometer hat?

Bei Kilometer 10 auf dem Kudamm lief es wie am Schnürchen. Gute Laune, sensationelle Stimmung trotz des schlechten Wetters, schon fast ein Viertel der Strecke geschafft. Das Ganze noch dreimal und du kannst dir die Medaille an die Wand hängen. Tja, ehemaliger Leistungssportler eben. Bei der Halbmarathonmarke in Kreuzberg kündigte sich langsam an, dass mein gefühltes vorsichtiges Tempo am Anfang eventuell minimal zu schnell gewesen war. Erste Ermüdungserscheinungen in den Beinen. Die nasse Kälte wurde auch etwas unangenehmen. So langsam wurde am Horizont eine Mauer sichtbar. Es war nicht die Berliner Mauer, die den Westteil der Stadt vom Ostteil trennte, und die erst ein Jahr später fallen sollte. Es war die Mauer, die der Mann mit dem Hammer aufgebaut hatte, um seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, überheblichen Marathonläufern die Grenzen aufzuzeigen. Sie kam bedrohlich näher. Bis Kilometer 30 ging es noch irgendwie. Man war ja als ehemaliger Ruderer ein harter Hund. Der Mann mit dem Hammer war härter. Ab Kilometer 32 haben die Beine dem Kopf deutlich vermittelt, dass sie keine Lust mehr haben, weiterzulaufen. Das wurde mit Nachdruck durch Krämpfe in allen Muskeln der Beinmuskulatur, von denen ich noch gar nicht wusste, dass es sie gab, verdeutlicht. Es war mir nicht mehr möglich, weiter zu laufen. Schon gar nicht in dem geplanten Tempo. Da erschien das rettende Zelt am Platz des wilden Ebers, einer Stimmungshochburg beim Berlin-Marathon.

Nicht wie ein wilder Eber, sondern eher wie ein angeschossener Hase schlich ich in das Zelt, in der Hoffnung, dass es nicht viele Zuschauer mitbekommen würden. Ab auf die Liege, Massage für die Beine, Elektrolytgetränke zur Regeneration des Stoffwechsels waren angesagt.

Das Unmögliche ist eingetreten. Nach einer viertel Stunde bin ich wieder irgendwie auf die Beine gekommen. Langsam aus dem Zelt raus und ein paar vorsichtige Schritte in den Regen. In einem Tempo, das ungefähr halb so schnell war wie das Anfangstempo, ging es mit einem spannenden inneren Dialog auf die letzten 10 Kilometer:

Der Kopf sagt: „10 Kilometer sind wir schon oft im Training gelaufen. Das ist ja wohl überhaupt kein Problem“.

Antwort der Beine: „Wir sind schon seit fast drei Stunden unterwegs. Was soll der Scheiß hier?“

Der ganze Körper kommentiert: „Mir ist kalt, ich hab echt keinen Bock mehr!“

Kopf: „Klappe halten, weiter laufen!“

Der Hals: „Ich will nachher die Medaille umgehängt bekommen.“

Beine: „Na gut, aber wir versprechen dir, du wirst hinterher den Muskelkater deines Lebens haben!“

Die Füße: „Wir kriegen langsam Blasen durch die nassen Socken. Wie lange geht das hier noch?“

Der Kopf: „Bleibt locker, wir haben es bald geschafft.“ Warum sich jeder Kilometer länger anfühlt als der vorhergehende, weiß der Kopf auch nicht, sagt aber lieber nichts dazu.

Augen: „Achtung: wir werden rechts von einer etwa 70jährigen sehr drahtigen Frau überholt“

Kopf an alle Körperteile: „Vielleicht habt ihr recht, und wir steigen einfach aus. Die Startnummer gilt als Fahrkarte für die BVG. Wir verschwinden klammheimlich in der U-Bahn.“

Beine: „Willst du uns verscheißern? Jetzt sind wir 37 Kilometer gelaufen und sollen nicht in’s Ziel kommen?“

Blase: „Ich muss mal!“

Magen: „Mir ist übel. Gibt es heute auch noch etwas anderes als süße Energieriegel und Elektrolytgetränke?“

Darm: „Wo ist das nächste Dixi-Klo?“

Augen: „Wir sehen den Kudamm!“

Gehirn: „Hey Leute, das ist die Zielgerade, wir schaffen es.“

Beine: „Zwei Kilometer noch. Tut weh, aber wir wollen es über die Bühne bringen. Bloß nicht wieder Krämpfe kriegen!“

Augen: „Da ist das Zielband! Nur noch ein paar Meter!“

Ohren: „Hört mal wie die Zuschauer jubeln!“

Augen: „Die Uhr zeigt eine Zeit von 3:48:04 Stunden an!“

Emotionales Zentrum, Hormonelles System: „Endorphinausschüttung, Dopaminrausch, Glück, Stolz, Zufriedenheit, Wohlbehagen, Euphorie, Dankbarkeit, gar nicht mit Worten zu beschreiben!“...